Monday, February 18. 2008Nachrichten aus der Enklave
14-jährige waschechte Nordhessinnen, ausgestattet mit einem gesunden Lokalpatriotismus und konsequenter Zuneigung zur Heimat, durfte ich heute im Bus belauschen:
Vier Mädels steigen ein und gackern. Eine davon: "Ich muss euch was sagen, hihihihi, hehehe." Alle anderen: "Was denn? Was denn? Hihihi, hehehe? Los, sag' schnell!" Sie: "Ich ziehe nach Würzburg." Eine: "Was? Würzburg? Wo ist das denn? Das ist bestimmt in Südhessen! Da kannste ja gleich nach Bayern gehen!" Eine andere: "Das ist in Bayern, du Nuss!" Alle: "Was? Du ziehst nach Bayern? Ach du Sch..." Eine: "Na, besser als nach Südhessen, Frankfurt oder so, stellt euch mal vor!" Eine andere: "Ey könnt ihr jetzt vielleicht erstmal 'n bisschen traurig sein, wo auch immer sie jetzt hingeht?" Köstlich, Mädels. Sunday, December 23. 2007Frostgeschwitze
Es ist Weihnachten.
Vielleicht Zeit, sich über die Vorsätze für's neue Jahr Gedanken zu machen. Zum Beispiel: Dieses Blog mal dichtmachen. A ver. Sunday, September 23. 200723. September 2007 - eine AbrechnungSo habe ich am Tag zehneinhalb Stunden Schicht auf der documenta für die documenta geschoben, hatte aber weder Zugang zum Mitarbeiterklo, einen documenta-Mitarbeiterausweis noch freien Eintritt. Die doc.-eigenen Aufsichten dagegen tummelten sich in ihrer Freizeit gern im Schloss, ganz und gar gratis, und neigten sogar manchmal dazu, ihre Arbeit trotz Freizeit in meinem eigenen Revier aufzunehmen. So saß ich ein Mal, unter dem Mangel an Tageslicht bereits völlig lethargisch geworden, in einem der für die Ausstellung so typischen, abgedunkelten, nicht klimatisierten und mit bereits sich vor Dreck zersetzenden Teppich ausgelegten Räume und wartete auf meine Ablösung, als sich auf ein Mal ein durch Vans und Palästinensertuch stigmatisierter weiblicher Teenager auf eine völlig erschöpfte Greisin stürzte, die auf einer Tischvitrine gerade ihr Etui abgelegt hatte, um ihre Brille herauszuholen. „Haalloooo, bitte nicht auf der Tischvitrine abstützen!“ keifte es da aus diesem von plötzlichen Zuständigskeitskrämpfen geschütteltem Girl. „Ich arbeite für die doc!“, rief sie dann schon etwas kleinlauter hinter der erschrockenen Omi her und zog dabei voller Stolz ihren Ausweis aus der Bluse. Armes Ding, wie unentspannt. Ihre gratis documenta-Tour muss die reinste tort(o)ur gewesen sein. 20 Minuten später erwischte ich sie dann beim Fotografieren mit Blitzlicht und wies sie freundlich und zurückhaltend auf ihr Fehlverhalten hin. Das war ihr dann peinlich, arbeitet sie doch schließlich für die doc. Nicht alle Besucher sind so umsichtig darauf erpicht, teilweise über 400 Jahre alte Gemälde vor luminösen oder handgreiflichen Übergriffen zu schützen. Im Gegenteil, dass noch niemand sein Kaugummi auf Elsbeth Tuchers Nase geklebt hat, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Auch wenn man meinen möchte, dass eine Gemäldegalerie eher von gebildeten, wohlerzogenen Menschen besucht wird, ereignen sich dort Dinge, die nicht mal in der Pause auf dem Schulhof der Rütli-Schule passieren würden. So durfte ich zum Beispiel miterleben, wie ein adrett gekleideter älterer Herr mit dem Zeigefinger auf Rembrandts Frau Saskia klopfte. Und zwar so sehr, dass diese vor Angst anfing zu wackeln. In diesem Moment vergaß ich meine eigene gute Erziehung, hechtete mit piependem Alarmgerät an der Hose durch den vom optischen Alarm mit Stroboskoplicht gefluteten Raum und fragte mit erhobener Stimme, ob er denn verrückt sei. „Wieso? Ich wollte nur wissen, ob das mit Glas geschützt ist.“ „Ach? Und da klopfen Sie mal eben dran? Machen Sie das immer so im Museum? Bestimmt nicht, anscheinend sind Sie heute das erste Mal in Ihrem Leben überhaupt in einem. Denn sonst wüssten Sie ja, dass man im Museum nichts anfassen darf, und erst recht nicht an irgendetwas herumklopfen darf, schon gar nicht an Saskia.“ „Ach, ist doch nichts passiert, ist ja Glas davor.“ „Hören Sie das Piepen? Sehen Sie das blinkende Licht? Das ist hier kein Tanztee in der Gemäldegalerie, das ist der Alarm, den Sie ausgelöst haben.“ Zwischendrin versuchte selbst seine Begleiterin, ihm klar zu machen, dass er einen groben Fehler begangen hat und weist ihn darauf hin, dass er auch einfach mich hätte fragen können. Er wollte es nicht einsehen. Wahrscheinlich schluppt er weiterhin durch Deutschlands Museen und klopft fröhlich auf den Alten Meistern rum, bis er eines Tages mal auf einem Fahndungsfoto bei den Aufsichtskräften im Schrank hängt, so wie der Säureattentäter von 1977. Dagegen sind die hauptsächlich osteuropäischen Besucherinnen, die sich in Stöckelschuhen und Nerzpelz an Rubens Frauen geräkelt fotografieren lassen und damit Alarm auslösen, oder die hauptsächlich deutschen Besucher, die mit ihren riesigen Taschen gern mal das ein oder andere Werk zum wackeln bringen, Erdnüsse. Gut, das war wenigstens ein bisschen Abwechslung im spröden Alltag einer Aufsichtskraft im Schlossgefängnis. Trotzdem gab es im bisher schlimmsten aller meiner Nebenjobs (wirklich, ich will wieder zurück in die Tanke!) auch erfreuliche Ereignisse. Wenn mal eine Kindergartengruppe zur documenta ging beispielsweise, und die lieben Kinderchen dann anderthalb Stunden vor Charlotte Posenenskes Klebestreifenbildchen saßen, um diese eigenhändig nachzubasteln und damit selbst kreierende doc.-Künstler wurden –worauf sie natürlich sehr stolz waren. Oder wenn mal die Chefetage einer großen Kasseler Firma ihren Betriebsausflug hatte und dafür die Wasserspiele außerplanmäßig aktiviert worden sind, hat ja der Chef spendiert, und ich dann zufällig an einem der wenigen Fenster stand und alles bestaunen konnte. Oder wenn nach neuneinhalb Stunden der erste Gong ertönte und die Ansage folgte: „Wir dürfen Sie darauf hinweisen, dass unser Haus in 15 Minuten schließt.“ Denn nach zehn Stunden Rumstehen mit 30-minütiger diktierter Pause war ich ganz schön geschafft. Zehn Stunden lang durfte offiziell weder mit Kollegen geredet, noch sich hingesetzt werden. Und das ganze wurde von zahlreichen Kameras dokumentiert, die zwar eigentlich dazu da sind, Kunstdiebe verfolgen zu können, aber auch gerne mal zur Kontrolle der Aufsichten benutzt wurden. Meine Karriere mit Nebenjobs hat hier ihren Höhepunkt gefunden. Von der Putzfrau über die Thursday, September 13. 2007Sendepause?
Mein neuer Job als Schreiberling für das Kasseler Studentenwerk raubt mir beizeiten den letzten Rest an Schreibzeit, den ich bisher ins Blog investiert habe. Nebenbei gibt's noch zwei andere Jobs und einen Umzug. Man meine nicht, ich hätte nichts mehr zu sagen. Ich sage es nur später!
Monday, August 6. 2007Bleiben wir zu Hause?Letzte Woche stieß ich auf einen schon etwas älteren Artikel über Auslandssemester der Mai-Ausgabe des Magazins Campus von der Zeit. Da sprach ein junger Mann in seiner Kolumne "Der Spalter" über die Sinnlosigkeit eines Auslandsaufenthaltes im Rahmen des Sokrates/Erasmus-Programms. Ich kann leider trotz intensiver Recherche den Beitrag im Netz nicht finden, muss aber trotzdem einiges darüber loswerden. Er sprach dort von einem Hype ums Auslandssemester, davon, dass kaum einer noch ausfliegt, um zu studieren, sondern um zu feiern und sich ein paar interessante internationale Bekanntschaften, zu welchem Zwecke auch immer, aufzubauen. Dass es vielen Abiturienten wichtig ist, zu studieren, vielleicht sogar egal was, Hauptsache man kommt mal mit Erasmus weg. Sicherlich hat dazu auch der viel diskutierte Film L'auberge espagnol beigetragen, der sämtliche Erasmus-Klischees bedient - was der Herr Spalter nicht gesagt hat, sondern ich. Im vergangenen halben Jahr hatte ich die Möglichkeit, diese Klischees live erleben zu können und kann einige Befürchtungen des Campus-Schreiberlings durchaus bestätigen. Es ist ganz bestimmt so, dass im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass ein Studium nichts ganzes ist, wenn man nicht wenigstens ein Semester davon im Ausland studiert hat. Wie dieses Semester dann aussieht, dass ist meiner Erfahrung nach den wenigsten vorher bewusst. Zwar habe ich bis jetzt niemanden kennen gelernt, der offiziell und explizit den Wunsch geäußert hätte, im Ausland zu studieren, um sich zu amüsieren und die Auberge Espagnol am eigenen Leibe zu erfahren, ich bin aber durchaus auch nur auf wenige getroffen, die zielstrebig und ehrgeizig ihre Stundenpläne so organisiert haben, dass sie vom Auslandssemester in ihrem Studienplan keine Defizite davon tragen würden. Was für Herrn Jekosch von der Zeit ein großer Kritikpunkt ist, kann auch ich nur zu gut nachvollziehen: Am Ende steht im Lebenslauf ein Auslandssemester, aber keiner weiß, was der Student dort eigentlich geleistet hat. Im schlimmsten Fall saß er fünf Monate lang in Valencia am Strand, hat neue italienische, französische und holländische Freunde, spricht plötzlich fließend Englisch und fragt am Semesterende nach dem Standort seiner Fakultät. Je nachdem, wie kulant das Auslandsamt seiner entsendenden Universität ist, sackt er die Kohle ein, ohne auch nur den kleinsten Leistungsnachweis vorzulegen, kommt nach Deutschland zurück, mit vielen neuen Sommersprossen und Freunden und ist plötzlich der Weltkenner. Im besten Fall hat er seinen Stundenplan für die Uni im Ausland schon zu hause per Internet organisiert, sich bereits mit den Koordinatoren besprochen, sich per Email bei den zukünftigen Professoren vorgestellt und geplant, die zwei Literaturscheine, einen Sprachpraxisschein und zwei Linguistikscheine, die ihm noch fehlen für's Haupstudium, dort zu absolvieren. Eventuell tut er sich noch ein, zwei Seminare in Hebräisch oder Tanztheater an, wenn man schonmal die Möglichkeit hat, sich an jeder x-beliebigen Fakultät umzuschauen. Vor Ort lernt er nur Einheimische kennen, wohnt in einer rein spanischen WG, entledigt sich der störenden deutschen Gewohnheiten und erzählt den anderen Deutschen am Ort, er sei aus Schweden, damit bloß niemand wagt, mit ihm deutsch zu reden. Er kommt zurück und macht Examen. Beide können Studienbescheinigungen, Learning Agreements und Transcripts of Records vorweisen. Ob das Auslandssemester aber noch für die Erfahrungswerte Selbstständigkeit, Verantwortlichkeit und Flexibilität stehen kann, wage auch ich zu bezweifeln. Wir sind ja alle keine Pioniere mehr. Noch vor zehn Jahren gab es keinen Euro, kein Skype, keine Klappcomputer und keine Onlinebewerbungsverfahren. Man musste also Geld tauschen, zum Telefonieren mit Mutti oder Freundin die Telefonzelle benutzen, auf den Rechner verzichten und sich auf komplizierten Wegen für einen Studienplatz an einer ausländischen Universität bewerben. Noch vor zehn Jahren waren die bevorzugten europäischen Universitätsstädte nicht überrannt von Erasmusstudenten und man war vielleicht ein echter Outgoer, wie es gern im Auslandsamt-Slang genannt wird, der sich seinen Platz unter den Einheimischen erstmal erkämpfen musste. Jetzt ist man, wenn man Glück hat, mit zwei, drei Emails im Bewerbungsverfahren, reicht ein paar Zettelchen ein und bucht schnell einen Flug für 11,11€. Sicher, wie schwierig das ganze mit der Finanzierung ist, das habe ich selbst sehr intensiv erlebt, aber die meisten der Weggänger haben diese Sorge ja nicht. Alles in allem also sind der Weg und die Realisierung des Auslandssemesters kein allzu großer Aufwand. Dass ein Auslandssemester auch im Inland kaum noch von großer Bedeutung ist, habe ich auch bemerkt. Man trifft nach einem Semester Abwesenheit alte Kommilitonen wieder, mit denen man vorher jedes Semester lang gemeinsam in Seminaren gelitten hat, Referate gehalten hat oder Facharbeiten geschrieben hat, und wird freundlich begrüßt: "Hm, dich hab ich ja lang nicht mehr gesehen." "Ich war im Auslandssemester in Spanien." "Achso. Ich gehe im September nach Mexiko." "Hm." "Ja, dann bis zum nächsten Mal." "Tschüß." Man ist nicht cool oder trendy oder mutig oder was besonderes, nur weil man mal ein halbes Jahr ins Ausland geht. Auch wenn man dann am dritten Tag im fremden Land so stolz auf sich ist, eine Wohnung gefunden, einen Mietvertrag unterschrieben und sich an der Uni immatrikuliert zu haben, dass man das eigentlich gern von sich sagen können würde. Es gibt immer noch jemanden, der es auf die noch krassere Tour geschafft hat, oder der das längst hinter sich hat, oder der das einfach überflüssig findet. Das ist so wie mit dem Abitur. Vorher macht man sich in die Hosen vor Angst, kurz danach ist man unglaublich stolz auf sich und fünf Jahre später gibt man nur noch dumme Ratschläge an frische Abiturienten, von wegen "ach, Abitur, wenn ich doch bloß nochmal Abitur machen könnte statt Vordiplom!" Die, die 'ne 1 vorm Komma haben, tun ganz verständlich und nicken freundschaftlich, wenn man selbst von seinem Frust spricht, nur NC-freie Studiengänge wählen zu können, wegen des mittleren Durchschnitts. Das sind dann die, die ohne Erasmus ganz allein nach Kuba gegangen sind, sich sechs Monate von Linsen und Reis ernährt haben und das Wohnheimzimmer mit Ratten und limitiertem Wasserverbrauch gegen ein Zimmer im Haus einer kubanischen Familie tauschen, damit wenigstens der Hygienestandard garantiert ist. "Nee, am Strand war ich nur ein Mal." Wenn es also selbst innerhalb der Uni kaum noch etwas wert ist, ein Semester im Ausland studiert zu haben, wieso dann auch im Lebenslauf. Das Auslandssemester ist nicht mal Garantie für gute Sprachkenntnisse. Wie immer liegt es aber an einem selbst, was man daraus macht. So schreibt der Herr Jekosch, was viele im Ausland erleben, sei auch genausogut im Inland möglich. Er plädiert: Bleibt doch zu Hause! Es braucht dazu nur ein, zwei Sprachtandem-Partner, Offenheit und Gastfreundlichkeit und schwupps hat man die ganze Internationalität, die man in Salamanca, Bologna oder Amsterdam hat, auch bei sich daheim. Zieht man ins Wohnheim, wohnt man mit ausländischen Gaststudenten zusammen, garantiert. Geht man ins Kulturzentrum, kriegt man gratis Tee und neue türkische Freunde, die einem sicherlich bei der nächsten Vendetta noch behilflich sein können. Spanisch lernen kann man im Salsakurs, Italienisch in der Pizzeria, Russisch im Taxi und Englisch ohnehin überall. Sicherlich gibt es auch irgendwo einen kleinen französischen Feinkostladen - wieso nicht mit der charmanten Kassierein anbandeln? Vielleicht ist das Modell vom Auslandssemester überholt. Es funktioniert einfach nicht mehr so, wie es ursprünglich gedacht war. Jedenfalls nicht vollautomatisch. Wie ich schon in meinen Reflexionen geschrieben habe, ist man selbst dafür verantwortlich, wie sein Aufenthalt läuft. So ist aus mir so ein Mittelding geworden: Kaum einen Spanier habe ich kennengelernt, Salmantiner erst recht nicht. Dafür habe ich fast die Hälfte der Klausuren bestanden und nie Englisch gesprochen. Mein Spanisch hat sich verbessert, nur nicht im Umgang mit Spaniern, sondern im Umgang mit Europäern. Ich bin jetzt kein Spanien-Experte, aber vielleicht ein bisschen europäischer als vorher. Ich habe Spanien besser kennengelernt, nicht als Insider, aber auch nicht als ignoranter Pauschaltourist. Ich habe nicht viel Zeit durchs Auslandssemester verloren, aber auch nicht dazu gewonnen. Und weil ich nie ins Kulturzentrum gehen würde und auch beim Italiener meine Pizza weiterhin auf deutsch bestellen werde, ist das für mich genau so auch richtig gelaufen. Wem das zu wenig ist, der muss ganz konsequent und strebsam sein oder sollte sich tatsächlich überlegen, besser zu Hause zu bleiben. Tuesday, July 24. 2007Arbeit macht blöd
Mehrmals in der Woche in 10-Stunden-Schichten auf zeitgenössische Kunst und alte Meister aufzupassen, fördert nicht gerade die geistige Fitness.
Wenn man erstmal drei Stunden auf der Stelle gestanden hat, lechzt man nur so nach Abwechslung. Fragt dann jemand danach, wo das nächste documenta-Exponat zu finden ist, tendiert man als stadtbekannte Schrabbeltante schnell dazu, um die einfache Wegbeschreibung "da vorne links" noch einen kleinen Vortrag über die kuratorischen Überlegungen drumrum zu basteln - schließlich sind das die ersten Worte an diesem Tag. So vertreibt man sich irgendwie die Zeit. Am besten helfen Lutschbonbons. Über jeden, der aus Versehen Alarm auslöst, freut man sich, weil dadurch drei Minuten drauf gehen, um das Licht wieder richtig einzustellen. Ganz schnell gehen zehn Stunden rum, wenn man im Erdgeschoss zum Eintrittskarten abstempeln eingeteilt ist. Da kann man in allen Sprachen reden. Und sitzen. Und ab und an wird mal jemand frech, das ist dann action pur. Gestern, beim Aufsichtschieben auf der Etage, geschah etwas ganz besonderes: Kurz vor Schluss, so etwa um halb acht, betrat ein aufgebrachter Mittfünziger die Ausstellung, sichtlich in Eile und sichtlich erschöpft. Seit meinen letzten Worten waren bereits einige Viertelstunden vergangen und als er mich dann fragte, wo denn hier das nächste documenta-Exponat zu finden sei, setzte ich, erfreut über die spontane Gelegenheit, wieder fünf Minuten rumzukriegen, mein souverän-freundliches Lächeln auf und begann zu dozieren. Schon auf halber Strecke wurde ich schnaufend unterbrochen: Der Herr sei nun schon den ganzen Tag unterwegs und hätte bisher nur Sch**** gesehen, und nun solle er sich auch noch auf die Suche danach begeben, weil der Herr Kurator es so gewollt hat? Das sei ja nun die Höhe, seit heute morgen um zehn sei er schon unterwegs und es begegne ihm nur Mist, wie denn sowas sein kann, dass er seine kostbare Zeit jetzt auch noch damit verschwenden soll, den Sch*** zu entdecken, den irgendwelche Vollidioten sich erlauben, Kunst zu nennen. Er sei ja nun nicht zum Vergnügen hier und habe außerdem gar keine Zeit. Immer weiter freundlich lächelnd versuche ich ihn unter Ausgrabung meines sämtlichen pädagogischen Grundwissens zu beruhigen und zu motivieren, sich doch wenigstens die zweite Etage anzuschauen, wo es durchaus einen expliziten Ausstellungsraum zur documenta gibt. Aber er ließ mir keine Chance. Schlussendlich hatte ich auch noch großes Mitgefühl mit ihm, denn wenn er tatsächlich seit dem Morgen in allen Ausstellungslokalitäten nur enttäuscht worden war, so hatte er einen schlimmeren Tag hinter sich als ich. Trotzdem setzte er an und bewegte sich in Richtung Posenenskes gefaltetes Blatt Papier aus Blech, schnaufte verägert und kehrte um, in meine Richtung. Bevor er den Satz "Sehen Sie, nur Sch***..." vollenden konnte, verwies ich auch schon auf Elsbeth Tucher, gleich daneben, immerhin mal Pin Up-Girl des alten 20 DM-Scheins, und dass man sowas ja wohl selten zu sehen bekäme, in der Hoffnung, dass ihm mit Dürer besser geholfen sei als mit dem anscheinend viel zu oft überinterpretierten neumodischen Sch***. "Wissen Sie was, junge Frau" sprach er da, "ich weiß Ihre Bemühungen durchaus zu schätzen, wenn Sie mir jetzt bitte bloß noch sagen könnten, wie ich aus diesem Sch***museum schnellstmöglich wieder rauskomme und zum Hotel finde?" Der arme Mann. Ich habe noch lang gegrübelt, ob er seine Eintrittskarte vielleicht bei der Tombola vom Schrebergartenverin gewonnen hat oder tatsächlich einer ist, der sich für zeitgenössische Kunst interessiert. So gingen wieder mindestens 15 Minuten rum. Tuesday, July 17. 2007Reductio ad absurdum
Da sitzt man ein halbes Jahr in Spanien und wartet auf Bafög und Erasmus, was dann gegen Ende des Aufenthaltes ganz gemächlich zumindest teilweise kam.
Nun sitzt man wieder in Deutschland und beantragt das Inlandsbafög neu. Dummerweise entsteht eine Versorgungslücke. Da sagt das Bafögamt: Na sehen Sie halt zu, dass sie ihre wirtschaftliche Lage besser planen. Sie haben doch gewusst, dass Sie wiederkommen und Kosten auf Sie zukommen werden. Hey, klar, stimmt. Ich Dummerchen hätte ja schon im Januar anfangen können zu sparen, für das kommende Semester. Fragt sich nur, wovon ich hätte sparen sollen. Es gab ja nix. So langsam... Tuesday, July 10. 2007In a rich man's world
Da ergab sich, dass ich vergaß, das Inlandsbafög rechtzeitig wieder zu beantragen. Also musste ich dann statt ins Wohnheim doch vorerst bei Papa aufs Sofa ziehen. Dadurch wiederum ergab sich, dass es weniger Bafög gibt, denn wenn man bei Papa wohnt, gibt es ja kaum noch was. Deswegen machte man sich auf die Suche nach Arbeit und wurde sogar fündig.
Jetzt hat man für drei Monate drei Nebenjobs und bekommt wahrscheinlich nie wieder Bafög, weil man ja so viel verdient und das Bafögamt nicht akzeptiert, dass man ein paar Steinchen anhäufen muss, wenn man umziehen und Studiengebühren bezahlen will. Aber: alte Leier alles das. Viel aufregender: Die Arbeit. Man schiebt 10-Stunden-Schichten im Schloss Wilhelmshöhe und passt auf, dass niemand Säure auf Bilder kippt und keine documenta-Kunst umwirft. Man steht sich zehn Stunden lang den Rücken kaputt, darf nicht sitzen, nicht reden, nicht gähnen. Klar, das hat man vorher gewusst und ist nachher doch nicht schlauer. Das schöne Geld! Alles in allem der schlimmste Job, den ich je hatte. Lieber wieder Tanke! Unvorstellbar, dass mit mir Leute arbeiten, die festangestellt und hauptberuflich Aufseher sind. Die teilweise seit mehr als sechs Jahren da oben im Greisentempo hin und herlaufen, von Kameras überwacht werden und sich über jeden Krümel freuen, der zufällig mal auf dem frisch gewienerten Museumsparkett liegt, damit sie ihn aufheben können, als große Abwechslung des Tages quasi. Respekt. Da lernt man wieder einiges dazu. Zum Beispiel, Geduld zu haben und nicht alle 30 Sekunden auf die Uhr zu schauen, wie es mir am ersten Tag passiert ist. Sich so viele Geschichten ausdenken, dass es nicht mehr allzu langweilig ist. Lutschbonbons haben in meinem Leben eine Wertsteigerung genossen. Heimlich im Mund zergehen lassen und schwupps sind wieder zwei lästige Minuten rum. Einige Kollegen versuchen sich gegenseitig Witze beizubringen und laufen dann im Stundentakt über die Etage, um jedem Mitarbeiter einen zu erzählen. Das hält fit, wenn man sonst grad dabei war, die Streben im Parkett zu zählen. Auf der zweiten Etage allerdings ist das gar nicht möglich, denn da ist es so laut, dass man nicht mal einen Witz verstehen würde: Zwei Videoinstallationen der documenta laufen als Endlosschleife, zu völlig übersteuerten Reggaetonbeats lässt es sich nach spätestens einer Stunde nicht mal mehr fröhlich mitwackeln. Aber was jammere ich eigentlich so viel. Ich geh jetzt arbeiten. Friday, July 6. 2007Das Geheimnis der Lemminge
Frisch zurück aus Spanien hatte ich mein Fernsehdefizit noch nicht wieder ausgeglichen und wollte mich deswegen in der teilweise aufgefrischten TV-Landschaft orientieren.
Eigentlich war ich mir sicher, dass es kein schlechteres Fernsehen als spanisches Fernsehen gibt. Ich hatte mich aber geirrt. Statt, wie ich es eher hätte tun sollen, zum Einschlafen in meinem schönen Buch weiterzulesen, habe ich gestern abend den Fernseher eingeschaltet und stolperte über eine Sendung namens "Das Model und der Freak". Mir kam es so vor, als hätte ich das schonmal gehört, und nachdem die ersten 90 Sekunden vorbei waren, war ich mir sogar sicher, dass mir schonmal jemand davon erzählt hatte und ich mir recht wenig darunter vorstellen konnte. Das Konzept für alle fernsehfernen: Zwei Models kümmern sich um zwei Kellerkinder, und verschaffen ihnen durch metrosexuelle neue Frisuren, Fallschirmsprünge und rosa Polohemden nicht nur völlig neuen Lebensmut und einen Personal Trainer für die Zeit danach, sondern auch noch Sexappeal. Bei den zwei Models handelt es sich um ein nicht mehr ganz aktuelles Playmate und die brasilianische Jana Ina, von der ich bisher glücklicherweise noch nie etwas gehört hatte. Diese beiden Damen lassen die Nerten Höllenqualen leiden. Mehr als ein Mal musste ich mir die Decke über den Kopf ziehen oder umschalte, weil sie mir so leid taten, dass ich nicht mehr hinsehen konnte. Kusstraining, einem Playmate beim Umziehen zuschauen und dafür einen Rüffel kriegen, wenn man beschämt wegschaut... Wenn man auf den Händedruck der Herren beim Begrüßen der Damen geachtet hat, konnte man sich den gammeligen Fisch wunderbar auch in seinen eigenen Händen vorstellen. Wie nun die armen Kerlchen am Ende dazu kamen, tatsächlich zu behaupten, dass sich jetzt ihr Leben völlig geändert hätte und sie ab heute, mit Tuckenglatze und Glitzerhemdchen, ein viel besseres führen werden als vorher - auch mir ist das ein Rätsel. Fast übergeben musste ich mich allerdings, als die Chatfreundin des einen per Pferdekutsche importiert wurde, uns noch schnell mitteilte, dass sie eigentlich nur 'ne Freundschaft mit ihm wollte, er aber dann direkt an ihr sein frisch erprobtes Knutschen ausprobieren musste, ohne sie auch nur ein Wort sagen zu lassen. Das arme Mädchen war so überrumpelt, dass es sich noch nicht mal wehren konnte. Und jedes Mal, wenn es was sagen wollte, wurde es von ungeschickten Bussis erstickt. Mir ist immer noch schlecht. Ich musste dann im Laufe des Abends an eine Show namens "The Swan" denken, von der ich nicht mehr weiß, ob sie jetzt fünf Jahre oder ein Jahr her ist. War aber ganz ähnlich. Schade, dass es für die Herrn nicht auch noch das in meinem Spamordner hochgepriesene chirurgische Enlargement gab. Sicher hätte das alles getoppt. Tuesday, July 3. 2007documenta-Provinz
Wer sein Ladekabel auswärts vergisst, ist so von der Post abhängig, bis er wieder am Laptop arbeiten kann.
Ging Gott sei Dank recht schnell. Aus der documenta-Stadt zu berichten: Plötzlich fiel auf, dass Kassel über kein Fünf-Sterne-Hotel verfügt. Das darf bei der nächsten documenta aber nicht mehr fehlen! Man habe sich gefälligst schnell zu einigen, die Stadt, das Land, der Bund, wie schnell man aus dem pleite gegangenen Schlosshotel ein Burj al Arab basteln kann. Ich freu mich schon. Vielleicht kann ich dann dort als personal Butler anfangen. Die documenta schafft es nämlich leider nicht, die freien Stellen in den Nebenjobs zu vergeben, weil sie konsequent Unterlagen verschlampt. Nach langwierigen Horrortrips durch Amtsgericht, Einwohnermeldeamt, Bafögamt und Auslandsamt, Uni und Bank muss ich mich erstmal wieder sammeln. Spannende Kunst-News also sobald ich wieder Luft holen kann. Tuesday, June 26. 2007Zurück-Flash
Kassel-Flash:
Sonntagmittag zurück in Kassel angekommen. Montagmorgen bereits unter Zeitdruck zu verschiedenen Ämtern gerast. Zwischendurch von Sehnsucht fehlgeleitet beinahe an der Haltestelle meiner ehemaligen Wohnung ausgestiegen. Es sieht alles ganz anders auch und doch hat sich nichts verändert. Ich kenne nach wie vor die Straßenbahnpläne auswendig, bin dann aber ein wenig verwirrt, wenn man zwischen 15 Uhr bis 17 Uhr überall einkaufen kann. Es ist einfach alles ein bisschen schneller. Und leise. Sehr leise. Beim ersten Spaziergang durch die Stadt am Sonntagnachmittag konnte ich mir einen Überblick über die Ausnahmesituation meiner Heimatstadt machen. Kunstwerke waren vom Wind umgeblasen worden, Harfenspieler in Strumpfhosen mit aufgestickten Herzchen nutzten den Trubel, um Laufpublikum mit ihrem Lärm zu belästigen und wer nicht mindestens ein auffälliges Kleidungsstück oder eine auffällige Frisur aufweisen konnte, wurde sofort als Einheimischer "Nur-mal-Gucker" erkannt. Bezüglich der männlichen Homosexualität gleicht das Stadtbild zur diesjährigen documenta fast dem kölnischen. Die diversen Stadtbildveränderungen müssen meiner Meinung nach nicht unbedingt als Verschandelungen verschrien werden. Nur der Auepavillon, der sieht tatsächlich furchtbar aus und war dafür, dass eine grüne Wiese dafür drauf gehen musste, sein Geld definitiv nicht wert. Davon, die Reisterassen am Schlossberg zu besichtigen, wurde mich abgeraten. Die seien nichts geworden, man hätte vergessen, dass Wasser unterspült und der Hang sich selbst runterrutscht. Nun anscheinend keine Terassen mehr. Mal sehen, wann das Schloss mit dem Hang runterrutscht. Das wäre mal ein Gag. Genauso wie die leider verpasste Chance, als Ai Wei Weis "Template" umgestürzt ist, leider einen Tag nachdem gerade der Herr Ministerpräsident darunter stand, um die standhaften Nordhessen mit seiner verbalen Diarrhoe über christdemokratische Kunstrezeption zu vergraulen. Finanz-Flash: Das Heidelberger Bafög-Amt, zuständig für das Auslandsbafög für deutsche Studenten in Spanien, hat mir eine nicht unbedeutende Summe unterschlagen. Darauf wies mich mein überraschend sehr freundlicher neuer Sachbearbeiter in Kassel gestern hin. Ob noch Widerspruch eingelegt werden kann, ist zu überprüfen. Eine weitere unangenehme Tatsache, für die ich diesmal leider niemanden außer mich selbst verantwortlich machen kann ist, dass die Umstellung von Auslandsbafög auf Inlandsbafög nicht automatisch erfolgt. Es muss ein Folgeantrag gestellt werden.Was ich leider verpasst, weil nicht gewusst, weil nicht aufmerksam gelesen habe. So gibt es also jetzt erstmal gar kein Geld, weswegen ich nun doch nicht im Wohnheim wohne, sondern bei Vattern auf dem Sofa. Das wiederum beschert mir einen weiteren finanziellen Einbruch: Wenn ich bei Papa wohne, gibt es nur 23 Tacken. Von 23 Tacken im Monat kann man keine 230 sparen, um im September in eine nette kleine Wohnung mit der Prinzessin zu ziehen. Schlussendlich braucht man also einen neuen Job. Einen habe ich schon, man weiß nur nie, wie lange noch. Für zwei andere habe ich durchaus Chancen, von dem einen werde ich heute erfahren, ob ich ihn habe, vom anderen morgen. Damit hätte ich drei Jobs. Was wieder schlecht ist für die Liebe, die Steuerklasse, das Kindergeld und das Bafög überhaupt. Es bleibt spannend. Ich appeliere also weiterhin an alle aktuellen oder zukünftigen Erasmusbafögempfänger, genügend Steinchen aufzuhäufen bevor es losgeht. Auf die Frage, woher die Steinchen kommen sollen, kann ich leider keine Antwort geben. Ich weigere mich seit zwei Tagen, meine Freunde zu treffen. Heute fange ich wohl mal damit an. Nachtrag: Ich darf natürlich das Vorher-Nachher-Ergebnis nicht vorenthalten. Mein Schamgefühl in Spanien gelassen präsentiere ich: Wednesday, June 20. 2007Fünf Monate Salamanca: Final curtainDie liebgewonnenen neuen Freunde sind alle weg und ich halte so ziemlich als letzte noch bis morgen mittag hier die Stellung. Und dann ab Richtung heim. Das Semester ist ziemlich schnell vorbei gegangen und ich kann es mir noch nicht so richtig vorstellen, jetzt einfach wieder in Deutschland zu sein. Andererseits freue ich mich schon seit einigen Wochen so auf meine Rückkehr, dass mir die Abreise auch nicht sonderlich schwer fällt. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Wochen schonwieder wehmütig zurückschauen auf mein Erasmussemester in Salamanca. Die große Frage: Und was hat mir das jetzt gebracht? Ziel Nummer 1, nämlich die Sprachkenntnisse zu vertiefen, habe ich durchaus erreicht. In den ersten Wochen meines Aufenthaltes hier noch sehr skeptisch gegenüber meinen Fortschritten, bin ich jetzt im Grunde genommen sehr zufrieden. Ich kann mich mit jedem über alles unterhalten. Nicht fehlerfrei, nicht immer in der richtigen Zeit und nicht ohne leichte Beklemmungen, aber so, dass man sich gut verstehen kann. Natürlich bin ich längst noch kein Muttersprachler und hätte sicherlich mehr lernen können, wenn ich ein paar Spaniern mehr begegnet wäre, aber immerhin habe ich keine Angst mehr vor ihnen. Ich kann mich gut mit ihnen unterhalten. Ziel Nummer 2, nämlich hier ein Semester ordentlich zu studieren, habe ich nur teilweise erreicht. Wie bereits berichtet, war meine Kursauswahl nicht besonders sinnvoll. Die Kurse, die ich bestanden habe, werde ich mir in Deutschland höchstwahrscheinlich nicht anrechnen lassen können, weil sie dort nicht relevant sind. Trotzdem habe ich fünf Kurse belegt, saß brav in spanischen Vorlesungen, habe meistens alles verstanden, mich beteiligt, Klausuren geschrieben und manchmal auch bestanden, Hausaufgaben gemacht, Präsentationen, mir die Finger wund geschrieben... alles in allem immerhin was. Ziel Nummer 3, nämlich nach sechs Semestern mal rauszukommen - was ich für ein unglaublich dekadentes Ziel halte, vergleichbar mit diesen Leuten, die nach dem Abi erstmal 'ne Weltreise brauchen, um sich vom ach so anstrengenden Schulalltag zu erholen und ihren Horizont, wie auch immer, zu erweitern - auf jeden Fall erreicht. Meine Wohnung nach fast drei Jahren aufgelöst zu haben, die manchmal etwas einschläfernde Uni Kassel zurück gelassen zu haben und mal mit beiden Beinen aus der Heimat raus, das hat tatsächlich gut getan. Trotzdem sind für das Auslandssemester quasi zwei Semester drauf gegangen. Da ich früher aus Kassel weg musste, habe ich dort im letzten Semester kaum Scheine gemacht. Die, die ich hier gemacht habe, brauche ich nicht unbedingt. Da ich aber ein ganz ein fleißiges Bienchen bin, macht das nichts. Ich werd noch schnell genug fertig. Viele andere Dinge, die ich mir vorher nicht als Ziel gesetzt hatte, habe ich dazu gelernt. Nach 4 Monaten mit einer italienischen Mitbewohnerin bin ich jetzt sicherlich etwas lockerer im Umgang mit Lärm, Alkoholleichen und Dreck. In kulinarischer Hinsicht bin ich viel experimentierfreudiger als vorher. Mit der Pünktlichkeit nehm ich's nicht mehr so genau... sehr entspannend. Als es vorhin klingelte, kurz nachdem auch Andreas mich für immer verlassen hat und ich eigentlich froh war, bis morgen noch allein in der Wohnung sein zu können, stand eine Freundin von Fabiana mit Tramperrucksack und Reisetasche in der Tür: "Hat Dir Fabi nicht gesagt, dass ich heute einziehe?" Nein, hat sie nicht. Aber da ich es ja inzwischen gewöhnt bin, bin ich ganz cool geblieben und habe meine Handtücher im Bad wieder zusammengeräumt und statt auf drei Haken auf nur einen verteilt. Man nimmt die Dinge hier einfach eher easy. Das ist sehr schön. Ich hoffe, dass ich das zu Hause auch noch ein wenig so halten kann. Aber habe ich jetzt ein halbes Jahr in Spanien gelebt? Ich bin nicht wie Corinne Hofmann in den Busch gezogen, um einen Massai zu heiraten. Ich habe ja noch nicht mal nennenswerte Bekanntschaften mit Spaniern geschlossen. Ich kenne keine spanische Familie, keine spanische Wohnung, keinen spanischen Wochenendausflug. Eher war ich hier als verlängerter Durchschnittstouri. Sicherlich hätte ich mir da mehr Mühe geben können. Und sicherlich wäre es in einer anderen Stadt, mit einem geringeren Erasmusanteil, anders geworden. Ich möchte mich nicht beklagen, es ist alles so gelaufen, weil ich es so wollte. Hätte ich nur spanische Freunde haben wollen, hätte ich in der ersten Zeit mehr Distanz zu den anderen Erasmusleuten wahren müssen und mir mit den damals noch schlechteren Spanischkenntnissen Freundschaften erobern müssen. Dafür war ich am Anfang viel zu verunsichert. So habe ich jetzt liebe Leute kennen gelernt, aus ganz Europa und sogar aus Mexiko, und mit denen auch meine fünf Monate verbracht. Ich habe griechisches, irisches, italienisches, mexikanisches und französisches WG-Essen gegessen und in jedes Land eine sicherlich halb ernst gemeinte Einladung erhalten. Auch, wenn man solche Einladungen nur selten wahr nimmt, sind mir diese Bekanntschaften viel wert und ich bin froh, dass ich hier war, und nicht woanders. Und trotzdem ist es jetzt an der Zeit, nach Hause zu gehen. Sunday, June 17. 2007documenta 12
Ich freue mich nicht nur aus familiären, freundschaftlichen und lokalpatriotischen Gründen auf meine baldige Rückkehr nach Deutschland, ja, sogar nach Kassel, sondern auch aus ganz sicher weltbewegenden:
gestern hat endlich die documenta 12 angefangen. Leider nur aus der Ferne beobachte ich täglich das spannende Treiben in meiner ach so lieb gewonnenen Heimatstadt, die ich vor jedem Ignoranten bereit bin zu verteidigen (worin ich schon seit Jahren trainiert bin). Ich stille meine Informationsgier auf der Internetseite der lokalen Tageszeitung, auf der Internetseite der documenta und beim Lesen von sonstigen Meldungen, über die ich mehr oder weniger zufällig stolpere. Außerdem kommt alle paar Tage mal eine Email vom werten Herrn Vater, der mich über noch verfügbare Nebenjobs aufklärt: "Guten morgen liebe Jane, die documenta GmbH sucht für den Friedrichsplatz noch Studenten als Vogelscheuchen, die bis zu 10 Stunden täglich mit Rasseln, Tröten, Hunden und weiten Gewändern dafür sorgen, dass die Rabenkrähen nicht den Mohnblumensamen aufpicken. Sonst ist das Kunstobjekt roter Friedrichsplatz gefährdet. Der Stundenlohn beträgt 7,20 €! Arbeitsbeginn ist allerdings sofort. Wär das nichts für Dich? LG Papa" oder mir mal die ein oder andere bauliche Maßnahme erklärt, die im Zuge der documenta 12 Kassel verschönern soll. Als kleines Highlight gibt es zu jeder dritten Email eine tolle Powerpointpräsentation. Ich bin also bestens informiert. Dieses Mal ganz untätig daneben sitzen, das nagt ja auch noch an mir. Während ich bei der letzten documenta selbst ein Teil Kunst war, muss ich mich diesmal noch mit dem Gedanken anfreunden, nur von außen mit dabei zu sein. Gott sei Dank verfügt man ja über ausreichend connections in der Szene, jeder noch so schlechte Kunststudent hat natürlich einen ganz wichtigen Posten abgekriegt. Besonders hoch steigt meine Vorfreude, wenn ich lese, dass der Molekülpanscher Ferrán Adria sein Restaurant in Barcelona gelassen hat, um dort einen Tisch amtlich zum documenta 12-Standort zu erklären. Ist ihm vielleicht noch schnell genug aufgefallen, dass diese ganzen documenta-Fritzen eine noch größere Macke haben als er selbst? Kassel ist natürlich tief beleidigt. Auch schön: Die Kasseler Stadtreiniger (die sich auch gern die Dreckstreetboys nennen, ganz der nordhessische Humor) haben Lottys Klebekreuze aufgespürt und weggeschrubbt. Zu Recht? Wiesen werden mit Pavillons verschandelt, deren Stellpfeiler 30.000 € kosten, Schlossberge werden zu Reisterassen umfunktioniert... die ganze Stadt ist im Rausch. Es ist wie jedes Mal alles zum Totlachen. Wieso findet in einer solchen Provinzstadt (die zwar durchaus ihren Charme hat), mit dem höchsten Sozialhilfeempfängeranteil Hessens und somit auch einem sehr geringen Anteil von Intellektuellen, Akademikern und somit Kunstinteressierten, eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt statt? Denn der Kasseläner an sich schert sich einen Dreck darum. Wer hingeht, tut das eher aus Prestigegründen, und hat noch lange nicht verstanden, worum es geht. Wer nicht hingeht, gehört zur Fraktion der lahmen Prostestler: "Bah, verschandeln die ganze Stadt für ihre Schmöker, pfui. Hoffentlich ist das bald vorbei." Kassel hält was auf sich, dass es seine documenta hat. Aber eben nur das Kassel, dem bewusst ist, was das bedeuten kann. Oder das Kassel, was sich gern auf Soirées zeigt, auf Vernissages, auf Kunstmeilen. Um sich selbst zu inszenieren. Die wenigen Menschen, die was von Kunst "verstehen" (das muss noch geklärt werden), sind meistens allesamt selbst eingespannt in documenta-interne Aktivitäten. So gibt es den ganzen Sommer lang keinen Kunststudenten ohne Job in Kassel. Ich gehöre wie immer zu den gespaltenen Geistern. Ich profitiere von Kassels Verwandlung alle fünf Jahre und verliebe mich regelmäßig neu in die Situation während der documenta: Touristen, Reporter, Ausländer in meiner kleinen, häßlichen (nur in den Augen anderer) Stadt. Plötzlich sprießen neue Bars und Hotels und Theater aus dem Boden und die ganze Stadt wuselt nur noch herum. Es ist überall zu spüren, dass es kitzelt, und das mag ich. In die Ausstellung selbst gehe ich nur, weil ich ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich nicht ginge. Ich verstehe nichts von dem, was geliefert wird, und würde nie im Leben eine Führung machen, weil ich wahrscheinlich aggressiv werden würde bei der vielen nicht nachvollziehbaren Interpretationskunst der Guides. Vielleicht gefällt mir hier und da mal ein Werk, oder es schockiert mich einfach nur oder spricht mein Herzchen an. Aber das sind nur emotionale Urteile, mit denen niemand sonst etwas anfangen kann. Ich darf mir also kein generelles Urteil erlauben. Ich kann hier noch nicht mal sagen, ob jemand gut gestricht hat oder das richtige Material für seine Skulptur ausgewählt hat. Vielleicht verschwanden deshalb auch schon andere documenta-Kunstwerke. Ich warte also gespannt ab, was sich mir in Kassel nach meiner Rückkehr zeigen wird.
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