
Mit der
documenta 12 geht nun endlich auch meine dreimonatige Nebentätigkeit als Aufsicht im
Schloss Wilhelmshöhe zu Ende. Nachdem das documenta-Management zwei Mal meine Bewerbungsunterlagen versemmelt hatte (und wohl deswegen selbst Anfang September immer noch händeringend nach frischen Arbeitskräften suchte…

documenta halt…), war ich dann bei einer Sicherheitsfirma untergekommen, die dem Schloss Wilhelmshöhe ein bisschen bei der Privatisierung hilft. Durch die Einstellung bei dieser Sicherheitsfirma hatte ich zwar gegenüber den von der documenta für ihre eigenen Ausstellungslokalitäten direkt angestellten Aushilfen einen klaren finanziellen Vorteil von 0,36 Cent pro Stunde, in den Genuss anderer Vorzüge kam ich aber leider nicht.
So habe ich am Tag zehneinhalb Stunden Schicht auf der documenta für die documenta geschoben, hatte aber weder Zugang zum Mitarbeiterklo, einen documenta-Mitarbeiterausweis noch freien Eintritt.
Die doc.-eigenen Aufsichten dagegen tummelten sich in ihrer Freizeit gern im Schloss, ganz und gar gratis, und neigten sogar manchmal dazu, ihre Arbeit trotz Freizeit in meinem eigenen Revier aufzunehmen. So saß ich ein Mal, unter dem Mangel an Tageslicht bereits völlig lethargisch geworden, in einem der für die Ausstellung so typischen, abgedunkelten, nicht klimatisierten und mit bereits sich vor Dreck zersetzenden Teppich ausgelegten Räume und wartete auf meine Ablösung, als sich auf ein Mal ein durch Vans und Palästinensertuch stigmatisierter weiblicher Teenager auf eine völlig erschöpfte Greisin stürzte, die auf einer Tischvitrine gerade ihr Etui abgelegt hatte, um ihre Brille herauszuholen.

„Haalloooo, bitte nicht auf der Tischvitrine abstützen!“ keifte es da aus diesem von plötzlichen Zuständigskeitskrämpfen geschütteltem Girl. „Ich arbeite für die doc!“, rief sie dann schon etwas kleinlauter hinter der erschrockenen Omi her und zog dabei voller Stolz ihren Ausweis aus der Bluse. Armes Ding, wie unentspannt. Ihre gratis documenta-Tour muss die reinste tort(o)ur gewesen sein. 20 Minuten später erwischte ich sie dann beim Fotografieren mit Blitzlicht und wies sie freundlich und zurückhaltend auf ihr Fehlverhalten hin. Das war ihr dann peinlich, arbeitet sie doch schließlich für die doc.

Es gab aber in der letzten Zeit auch einige emsige Besucher, die als kunstinteressierte getarnte Denunzianten im Auftrag des Verfassungsschutzes unterwegs waren: „Junge Frau (damit meinten sie mich… wie charmant), hier steht doch, dass Fotografieren verboten ist. Aber da hinten der Herr in grün fotografiert dauernd.“ Bisher habe ich mich in solchen Fällen für meine Unaufmerksamkeit entschuldigt und bin direkt gen heimlichen Fotograf gespurtet, um ihn möglichst noch vor den Augen der Besucher an den Pranger zu stellen. Schließlich ist in einer anderen Sonderausstellung im Schloss das Fotografieren tatsächlich verboten – wegen der Leihgaben, die teilweise anders rechtlich geschützt sind als der Bestand. Seit ich aber wegen nahendem Ende der documenta nichts mehr zu verlieren hatte, bedankte ich mich eher schnodderig dafür, dass man mir selbst als Besucher die Arbeit abnahm und warf noch etwas grimmiger die Frage hinterher: „Kann ich dann jetzt Feierabend machen, jetzt wo Sie da sind und alles so gut bewachen?“ Ich hätte auch fragen können, ob das Ordnungsamt heute einen Betriebsausflug auf der Kunstausstellung macht; das habe ich mich aber leider nicht getraut.
Nicht alle Besucher sind so umsichtig darauf erpicht, teilweise über 400 Jahre alte Gemälde vor luminösen oder handgreiflichen Übergriffen zu schützen. Im Gegenteil, dass noch niemand sein Kaugummi auf
Elsbeth Tuchers Nase geklebt hat, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Auch wenn man meinen möchte, dass eine Gemäldegalerie eher von gebildeten, wohlerzogenen Menschen besucht wird, ereignen sich dort Dinge, die nicht mal in der Pause auf dem Schulhof der Rütli-Schule passieren würden. So durfte ich zum Beispiel miterleben, wie ein adrett gekleideter älterer Herr mit dem Zeigefinger auf Rembrandts Frau
Saskia klopfte. Und zwar so sehr, dass diese vor Angst anfing zu wackeln. In diesem Moment vergaß ich meine eigene gute Erziehung, hechtete mit piependem Alarmgerät an der Hose durch den vom optischen Alarm mit Stroboskoplicht gefluteten Raum und fragte mit erhobener Stimme, ob er denn verrückt sei.
„Wieso? Ich wollte nur wissen, ob das mit Glas geschützt ist.“

„Ach? Und da klopfen Sie mal eben dran? Machen Sie das immer so im Museum? Bestimmt nicht, anscheinend sind Sie heute das erste Mal in Ihrem Leben überhaupt in einem. Denn sonst wüssten Sie ja, dass man im Museum nichts anfassen darf, und erst recht nicht an irgendetwas herumklopfen darf, schon gar nicht an Saskia.“
„Ach, ist doch nichts passiert, ist ja Glas davor.“
„Hören Sie das Piepen? Sehen Sie das blinkende Licht? Das ist hier kein Tanztee in der Gemäldegalerie, das ist der Alarm, den Sie ausgelöst haben.“
Zwischendrin versuchte selbst seine Begleiterin, ihm klar zu machen, dass er einen groben Fehler begangen hat und weist ihn darauf hin, dass er auch einfach mich hätte fragen können. Er wollte es nicht einsehen. Wahrscheinlich schluppt er weiterhin durch Deutschlands Museen und klopft fröhlich auf den Alten Meistern rum, bis er eines Tages mal auf einem Fahndungsfoto bei den Aufsichtskräften im Schrank hängt, so wie der
Säureattentäter von 1977.

Dagegen sind die hauptsächlich osteuropäischen Besucherinnen, die sich in Stöckelschuhen und Nerzpelz an Rubens Frauen geräkelt fotografieren lassen und damit Alarm auslösen, oder die hauptsächlich deutschen Besucher, die mit ihren riesigen Taschen gern mal das ein oder andere Werk zum wackeln bringen, Erdnüsse.

Gut, das war wenigstens ein bisschen Abwechslung im spröden Alltag einer Aufsichtskraft im Schlossgefängnis.
Trotzdem gab es im bisher schlimmsten aller meiner Nebenjobs (wirklich, ich will wieder zurück in die Tanke!) auch erfreuliche Ereignisse. Wenn mal eine Kindergartengruppe zur documenta ging beispielsweise, und die lieben Kinderchen dann anderthalb Stunden vor Charlotte Posenenskes
Klebestreifenbildchen saßen, um diese eigenhändig nachzubasteln und damit selbst kreierende doc.-Künstler wurden –worauf sie natürlich sehr stolz waren. Oder wenn mal die Chefetage einer großen Kasseler Firma ihren Betriebsausflug hatte und dafür die
Wasserspiele außerplanmäßig aktiviert worden sind, hat ja der Chef spendiert, und ich dann zufällig an einem der wenigen Fenster stand und alles bestaunen konnte. Oder wenn nach neuneinhalb Stunden der erste Gong ertönte und die Ansage folgte:
„Wir dürfen Sie darauf hinweisen, dass unser Haus in 15 Minuten schließt.“
Denn nach zehn Stunden Rumstehen mit 30-minütiger diktierter Pause war ich ganz schön geschafft. Zehn Stunden lang durfte offiziell weder mit Kollegen geredet, noch sich hingesetzt werden. Und das ganze wurde von zahlreichen Kameras dokumentiert, die zwar eigentlich dazu da sind, Kunstdiebe verfolgen zu können, aber auch gerne mal zur Kontrolle der Aufsichten benutzt wurden.
Meine Karriere mit Nebenjobs hat hier ihren Höhepunkt gefunden. Von der Putzfrau über die

Zettelverteilerin, Catering-Tante und Stadtmagazin-Auslieferin (… und… und…. und) zum Tankengirl und weiter übers Online-Praktikum zur Kunstaufsicht im Schloss Wilhelmshöhe – ich glaube, hier reicht es jetzt. Als Karla Kolumna des
Studentenwerks Kassel finanziere ich mir noch das letzte Bisschen meines Studiums und der nächste Job, den ich annehme, wird einer sein, für den ich mein Studium benötige – ja! Ganz bestimmt!