
Letzte Woche stieß ich auf einen schon etwas älteren Artikel über Auslandssemester der Mai-Ausgabe des Magazins
Campus von der Zeit.
Da sprach ein junger Mann in seiner Kolumne "Der Spalter" über die Sinnlosigkeit eines Auslandsaufenthaltes im Rahmen des Sokrates/Erasmus-Programms.
Ich kann leider trotz intensiver Recherche den Beitrag im Netz nicht finden, muss aber trotzdem einiges darüber loswerden.
Er sprach dort von einem Hype ums Auslandssemester, davon, dass kaum einer noch ausfliegt, um zu studieren, sondern um zu feiern und sich ein paar interessante internationale Bekanntschaften, zu welchem Zwecke auch immer, aufzubauen. Dass es vielen Abiturienten wichtig ist, zu studieren, vielleicht sogar egal was, Hauptsache man kommt mal mit Erasmus weg.
Sicherlich hat dazu auch der viel diskutierte Film
L'auberge espagnol beigetragen, der sämtliche Erasmus-Klischees bedient - was der Herr Spalter nicht gesagt hat, sondern ich.
Im vergangenen halben Jahr hatte ich die Möglichkeit, diese Klischees live erleben zu können und kann einige Befürchtungen des Campus-Schreiberlings durchaus bestätigen.
Es ist ganz bestimmt so, dass im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass ein Studium nichts ganzes ist, wenn man nicht wenigstens ein Semester davon im Ausland studiert hat. Wie dieses Semester dann aussieht, dass ist meiner Erfahrung nach den wenigsten vorher bewusst. Zwar habe ich bis jetzt niemanden kennen gelernt, der offiziell und explizit den Wunsch geäußert hätte, im Ausland zu studieren, um sich zu amüsieren und die Auberge Espagnol am eigenen Leibe zu erfahren, ich bin aber durchaus auch nur auf wenige getroffen, die zielstrebig und ehrgeizig ihre Stundenpläne so organisiert haben, dass sie vom Auslandssemester in ihrem Studienplan keine Defizite davon tragen würden.
Was für Herrn Jekosch von der Zeit ein großer Kritikpunkt ist, kann auch ich nur zu gut nachvollziehen: Am Ende steht im Lebenslauf ein Auslandssemester, aber keiner weiß, was der Student dort eigentlich geleistet hat.
Im schlimmsten Fall saß er fünf Monate lang in Valencia am Strand, hat neue italienische, französische und holländische Freunde, spricht plötzlich fließend Englisch und fragt am Semesterende nach dem Standort seiner Fakultät. Je nachdem, wie kulant das Auslandsamt seiner entsendenden Universität ist, sackt er die Kohle ein, ohne auch nur den kleinsten Leistungsnachweis vorzulegen, kommt nach Deutschland zurück, mit vielen neuen Sommersprossen und Freunden und ist plötzlich der Weltkenner.
Im besten Fall hat er seinen Stundenplan für die Uni im Ausland schon zu hause per Internet organisiert, sich bereits mit den Koordinatoren besprochen, sich per Email bei den zukünftigen Professoren vorgestellt und geplant, die zwei Literaturscheine, einen Sprachpraxisschein und zwei Linguistikscheine, die ihm noch fehlen für's Haupstudium, dort zu absolvieren. Eventuell tut er sich noch ein, zwei Seminare in Hebräisch oder Tanztheater an, wenn man schonmal die Möglichkeit hat, sich an jeder x-beliebigen Fakultät umzuschauen. Vor Ort lernt er nur Einheimische kennen, wohnt in einer rein spanischen WG, entledigt sich der störenden deutschen Gewohnheiten und erzählt den anderen Deutschen am Ort, er sei aus Schweden, damit bloß niemand wagt, mit ihm deutsch zu reden. Er kommt zurück und macht Examen.
Beide können Studienbescheinigungen, Learning Agreements und Transcripts of Records vorweisen. Ob das Auslandssemester aber noch für die Erfahrungswerte Selbstständigkeit, Verantwortlichkeit und Flexibilität stehen kann, wage auch ich zu bezweifeln. Wir sind ja alle keine Pioniere mehr. Noch vor zehn Jahren gab es keinen Euro, kein Skype, keine Klappcomputer und keine Onlinebewerbungsverfahren. Man musste also Geld tauschen, zum Telefonieren mit Mutti oder Freundin die Telefonzelle benutzen, auf den Rechner verzichten und sich auf komplizierten Wegen für einen Studienplatz an einer ausländischen Universität bewerben. Noch vor zehn Jahren waren die bevorzugten europäischen Universitätsstädte nicht überrannt von Erasmusstudenten und man war vielleicht ein echter Outgoer, wie es gern im Auslandsamt-Slang genannt wird, der sich seinen Platz unter den Einheimischen erstmal erkämpfen musste.
Jetzt ist man, wenn man Glück hat, mit zwei, drei Emails im Bewerbungsverfahren, reicht ein paar Zettelchen ein und bucht schnell einen Flug für 11,11€. Sicher, wie schwierig das ganze mit der Finanzierung ist, das habe ich selbst sehr intensiv erlebt, aber die meisten der Weggänger haben diese Sorge ja nicht. Alles in allem also sind der Weg und die Realisierung des Auslandssemesters kein allzu großer Aufwand.
Dass ein Auslandssemester auch im Inland kaum noch von großer Bedeutung ist, habe ich auch bemerkt. Man trifft nach einem Semester Abwesenheit alte Kommilitonen wieder, mit denen man vorher jedes Semester lang gemeinsam in Seminaren gelitten hat, Referate gehalten hat oder Facharbeiten geschrieben hat, und wird freundlich begrüßt:
"Hm, dich hab ich ja lang nicht mehr gesehen."
"Ich war im Auslandssemester in Spanien."
"Achso. Ich gehe im September nach Mexiko."
"Hm."
"Ja, dann bis zum nächsten Mal."
"Tschüß."
Man ist nicht cool oder trendy oder mutig oder was besonderes, nur weil man mal ein halbes Jahr ins Ausland geht. Auch wenn man dann am dritten Tag im fremden Land so stolz auf sich ist, eine Wohnung gefunden, einen Mietvertrag unterschrieben und sich an der Uni immatrikuliert zu haben, dass man das eigentlich gern von sich sagen können würde. Es gibt immer noch jemanden, der es auf die noch krassere Tour geschafft hat, oder der das längst hinter sich hat, oder der das einfach überflüssig findet. Das ist so wie mit dem Abitur. Vorher macht man sich in die Hosen vor Angst, kurz danach ist man unglaublich stolz auf sich und fünf Jahre später gibt man nur noch dumme Ratschläge an frische Abiturienten, von wegen "ach, Abitur, wenn ich doch bloß nochmal Abitur machen könnte statt Vordiplom!" Die, die 'ne 1 vorm Komma haben, tun ganz verständlich und nicken freundschaftlich, wenn man selbst von seinem Frust spricht, nur NC-freie Studiengänge wählen zu können, wegen des mittleren Durchschnitts. Das sind dann die, die ohne Erasmus ganz allein nach Kuba gegangen sind, sich sechs Monate von Linsen und Reis ernährt haben und das Wohnheimzimmer mit Ratten und limitiertem Wasserverbrauch gegen ein Zimmer im Haus einer kubanischen Familie tauschen, damit wenigstens der Hygienestandard garantiert ist. "Nee, am Strand war ich nur ein Mal."
Wenn es also selbst innerhalb der Uni kaum noch etwas wert ist, ein Semester im Ausland studiert zu haben, wieso dann auch im Lebenslauf. Das Auslandssemester ist nicht mal Garantie für gute Sprachkenntnisse.
Wie immer liegt es aber an einem selbst, was man daraus macht. So schreibt der Herr Jekosch, was viele im Ausland erleben, sei auch genausogut im Inland möglich. Er plädiert: Bleibt doch zu Hause! Es braucht dazu nur ein, zwei Sprachtandem-Partner, Offenheit und Gastfreundlichkeit und schwupps hat man die ganze Internationalität, die man in Salamanca, Bologna oder Amsterdam hat, auch bei sich daheim. Zieht man ins Wohnheim, wohnt man mit ausländischen Gaststudenten zusammen, garantiert. Geht man ins Kulturzentrum, kriegt man gratis Tee und neue türkische Freunde, die einem sicherlich bei der nächsten Vendetta noch behilflich sein können. Spanisch lernen kann man im Salsakurs, Italienisch in der Pizzeria, Russisch im Taxi und Englisch ohnehin überall. Sicherlich gibt es auch irgendwo einen kleinen französischen Feinkostladen - wieso nicht mit der charmanten Kassierein anbandeln?
Vielleicht ist das Modell vom Auslandssemester überholt. Es funktioniert einfach nicht mehr so, wie es ursprünglich gedacht war. Jedenfalls nicht vollautomatisch. Wie ich schon in meinen Reflexionen geschrieben habe, ist man selbst dafür verantwortlich, wie sein Aufenthalt läuft. So ist aus mir so ein Mittelding geworden: Kaum einen Spanier habe ich kennengelernt, Salmantiner erst recht nicht. Dafür habe ich fast die Hälfte der Klausuren bestanden und nie Englisch gesprochen. Mein Spanisch hat sich verbessert, nur nicht im Umgang mit Spaniern, sondern im Umgang mit Europäern. Ich bin jetzt kein Spanien-Experte, aber vielleicht ein bisschen europäischer als vorher. Ich habe Spanien besser kennengelernt, nicht als Insider, aber auch nicht als ignoranter Pauschaltourist. Ich habe nicht viel Zeit durchs Auslandssemester verloren, aber auch nicht dazu gewonnen. Und weil ich nie ins Kulturzentrum gehen würde und auch beim Italiener meine Pizza weiterhin auf deutsch bestellen werde, ist das für mich genau so auch richtig gelaufen.
Wem das zu wenig ist, der muss ganz konsequent und strebsam sein oder sollte sich tatsächlich überlegen, besser zu Hause zu bleiben.