Mehrmals in der Woche in 10-Stunden-Schichten auf zeitgenössische Kunst und alte Meister aufzupassen, fördert nicht gerade die geistige Fitness.
Wenn man erstmal drei Stunden auf der Stelle gestanden hat, lechzt man nur so nach Abwechslung. Fragt dann jemand danach, wo das nächste documenta-Exponat zu finden ist, tendiert man als stadtbekannte Schrabbeltante schnell dazu, um die einfache Wegbeschreibung "da vorne links" noch einen kleinen Vortrag über die kuratorischen Überlegungen drumrum zu basteln - schließlich sind das die ersten Worte an diesem Tag.
So vertreibt man sich irgendwie die Zeit. Am besten helfen Lutschbonbons. Über jeden, der aus Versehen Alarm auslöst, freut man sich, weil dadurch drei Minuten drauf gehen, um das Licht wieder richtig einzustellen. Ganz schnell gehen zehn Stunden rum, wenn man im Erdgeschoss zum Eintrittskarten abstempeln eingeteilt ist. Da kann man in allen Sprachen reden. Und sitzen. Und ab und an wird mal jemand frech, das ist dann action pur.
Gestern, beim Aufsichtschieben auf der Etage, geschah etwas ganz besonderes: Kurz vor Schluss, so etwa um halb acht, betrat ein aufgebrachter Mittfünziger die Ausstellung, sichtlich in Eile und sichtlich erschöpft. Seit meinen letzten Worten waren bereits einige Viertelstunden vergangen und als er mich dann fragte, wo denn hier das nächste documenta-Exponat zu finden sei, setzte ich, erfreut über die spontane Gelegenheit, wieder fünf Minuten rumzukriegen, mein souverän-freundliches Lächeln auf und begann zu dozieren. Schon auf halber Strecke wurde ich schnaufend unterbrochen: Der Herr sei nun schon den ganzen Tag unterwegs und hätte bisher nur Sch**** gesehen, und nun solle er sich auch noch auf die Suche danach begeben, weil der Herr Kurator es so gewollt hat? Das sei ja nun die Höhe, seit heute morgen um zehn sei er schon unterwegs und es begegne ihm nur Mist, wie denn sowas sein kann, dass er seine kostbare Zeit jetzt auch noch damit verschwenden soll, den Sch*** zu entdecken, den irgendwelche Vollidioten sich erlauben, Kunst zu nennen. Er sei ja nun nicht zum Vergnügen hier und habe außerdem gar keine Zeit. Immer weiter freundlich lächelnd versuche ich ihn unter Ausgrabung meines sämtlichen pädagogischen Grundwissens zu beruhigen und zu motivieren, sich doch wenigstens die zweite Etage anzuschauen, wo es durchaus einen expliziten Ausstellungsraum zur documenta gibt. Aber er ließ mir keine Chance. Schlussendlich hatte ich auch noch großes Mitgefühl mit ihm, denn wenn er tatsächlich seit dem Morgen in allen Ausstellungslokalitäten nur enttäuscht worden war, so hatte er einen schlimmeren Tag hinter sich als ich. Trotzdem setzte er an und bewegte sich in Richtung Posenenskes gefaltetes Blatt Papier aus Blech, schnaufte verägert und kehrte um, in meine Richtung. Bevor er den Satz "Sehen Sie, nur Sch***..." vollenden konnte, verwies ich auch schon auf Elsbeth Tucher, gleich daneben, immerhin mal Pin Up-Girl des alten 20 DM-Scheins, und dass man sowas ja wohl selten zu sehen bekäme, in der Hoffnung, dass ihm mit Dürer besser geholfen sei als mit dem anscheinend viel zu oft überinterpretierten neumodischen Sch***.
"Wissen Sie was, junge Frau" sprach er da, "ich weiß Ihre Bemühungen durchaus zu schätzen, wenn Sie mir jetzt bitte bloß noch sagen könnten, wie ich aus diesem Sch***museum schnellstmöglich wieder rauskomme und zum Hotel finde?"
Der arme Mann. Ich habe noch lang gegrübelt, ob er seine Eintrittskarte vielleicht bei der Tombola vom Schrebergartenverin gewonnen hat oder tatsächlich einer ist, der sich für zeitgenössische Kunst interessiert. So gingen wieder mindestens 15 Minuten rum.
Kunst auch. Der Herr sei nun schon den ganzen Tag unterwegs und hätte bisher nur Sch**** gesehen, und nun solle er sich auch noch auf die Suche danach begeben, weil der Herr Kurator es so gewollt hat? Das sei ja nun die Höhe, seit heute morg...
Tracked: Jul 28, 13:15