Da ergab sich, dass ich vergaß, das Inlandsbafög rechtzeitig wieder zu beantragen. Also musste ich dann statt ins Wohnheim doch vorerst bei Papa aufs Sofa ziehen. Dadurch wiederum ergab sich, dass es weniger Bafög gibt, denn wenn man bei Papa wohnt, gibt es ja kaum noch was. Deswegen machte man sich auf die Suche nach Arbeit und wurde sogar fündig.
Jetzt hat man für drei Monate drei Nebenjobs und bekommt wahrscheinlich nie wieder Bafög, weil man ja so viel verdient und das Bafögamt nicht akzeptiert, dass man ein paar Steinchen anhäufen muss, wenn man umziehen und Studiengebühren bezahlen will.
Aber: alte Leier alles das.
Viel aufregender: Die Arbeit. Man schiebt 10-Stunden-Schichten im Schloss Wilhelmshöhe und passt auf, dass niemand Säure auf Bilder kippt und keine documenta-Kunst umwirft. Man steht sich zehn Stunden lang den Rücken kaputt, darf nicht sitzen, nicht reden, nicht gähnen. Klar, das hat man vorher gewusst und ist nachher doch nicht schlauer.
Das schöne Geld!
Alles in allem der schlimmste Job, den ich je hatte. Lieber wieder Tanke! Unvorstellbar, dass mit mir Leute arbeiten, die festangestellt und hauptberuflich Aufseher sind. Die teilweise seit mehr als sechs Jahren da oben im Greisentempo hin und herlaufen, von Kameras überwacht werden und sich über jeden Krümel freuen, der zufällig mal auf dem frisch gewienerten Museumsparkett liegt, damit sie ihn aufheben können, als große Abwechslung des Tages quasi. Respekt.
Da lernt man wieder einiges dazu. Zum Beispiel, Geduld zu haben und nicht alle 30 Sekunden auf die Uhr zu schauen, wie es mir am ersten Tag passiert ist. Sich so viele Geschichten ausdenken, dass es nicht mehr allzu langweilig ist. Lutschbonbons haben in meinem Leben eine Wertsteigerung genossen. Heimlich im Mund zergehen lassen und schwupps sind wieder zwei lästige Minuten rum. Einige Kollegen versuchen sich gegenseitig Witze beizubringen und laufen dann im Stundentakt über die Etage, um jedem Mitarbeiter einen zu erzählen. Das hält fit, wenn man sonst grad dabei war, die Streben im Parkett zu zählen. Auf der zweiten Etage allerdings ist das gar nicht möglich, denn da ist es so laut, dass man nicht mal einen Witz verstehen würde: Zwei Videoinstallationen der documenta laufen als Endlosschleife, zu völlig übersteuerten Reggaetonbeats lässt es sich nach spätestens einer Stunde nicht mal mehr fröhlich mitwackeln.
Aber was jammere ich eigentlich so viel.
Ich geh jetzt arbeiten.