
Die liebgewonnenen neuen Freunde sind alle weg und ich halte so ziemlich als letzte noch bis morgen mittag hier die Stellung.
Und dann ab Richtung heim.
Das Semester ist ziemlich schnell vorbei gegangen und ich kann es mir noch nicht so richtig vorstellen, jetzt einfach wieder in Deutschland zu sein.
Andererseits freue ich mich schon seit einigen Wochen so auf meine Rückkehr, dass mir die Abreise auch nicht sonderlich schwer fällt. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Wochen schonwieder wehmütig zurückschauen auf mein Erasmussemester in Salamanca.
Die große Frage: Und was hat mir das jetzt gebracht?
Ziel Nummer 1, nämlich die Sprachkenntnisse zu vertiefen, habe ich durchaus erreicht. In den ersten Wochen meines Aufenthaltes hier noch sehr skeptisch gegenüber meinen Fortschritten, bin ich jetzt im Grunde genommen sehr zufrieden. Ich kann mich mit jedem über alles unterhalten. Nicht fehlerfrei, nicht immer in der richtigen Zeit und nicht ohne leichte Beklemmungen, aber so, dass man sich gut verstehen kann. Natürlich bin ich längst noch kein Muttersprachler und hätte sicherlich mehr lernen können, wenn ich ein paar Spaniern mehr begegnet wäre, aber immerhin habe ich keine Angst mehr vor ihnen. Ich kann mich gut mit ihnen unterhalten.
Ziel Nummer 2, nämlich hier ein Semester ordentlich zu studieren, habe ich nur teilweise erreicht. Wie bereits berichtet, war meine Kursauswahl nicht besonders sinnvoll. Die Kurse, die ich bestanden habe, werde ich mir in Deutschland höchstwahrscheinlich nicht anrechnen lassen können, weil sie dort nicht relevant sind. Trotzdem habe ich fünf Kurse belegt, saß brav in spanischen Vorlesungen, habe meistens alles verstanden, mich beteiligt, Klausuren geschrieben und manchmal auch bestanden, Hausaufgaben gemacht, Präsentationen, mir die Finger wund geschrieben... alles in allem immerhin was.
Ziel Nummer 3, nämlich nach sechs Semestern mal rauszukommen - was ich für ein unglaublich dekadentes Ziel halte, vergleichbar mit diesen Leuten, die nach dem Abi erstmal 'ne Weltreise brauchen, um sich vom ach so anstrengenden Schulalltag zu erholen und ihren Horizont, wie auch immer, zu erweitern - auf jeden Fall erreicht. Meine Wohnung nach fast drei Jahren aufgelöst zu haben, die manchmal etwas einschläfernde Uni Kassel zurück gelassen zu haben und mal mit beiden Beinen aus der Heimat raus, das hat tatsächlich gut getan. Trotzdem sind für das Auslandssemester quasi zwei Semester drauf gegangen. Da ich früher aus Kassel weg musste, habe ich dort im letzten Semester kaum Scheine gemacht. Die, die ich hier gemacht habe, brauche ich nicht unbedingt. Da ich aber ein ganz ein fleißiges Bienchen bin, macht das nichts. Ich werd noch schnell genug fertig.
Viele andere Dinge, die ich mir vorher nicht als Ziel gesetzt hatte, habe ich dazu gelernt. Nach 4 Monaten mit einer italienischen Mitbewohnerin bin ich jetzt sicherlich etwas lockerer im Umgang mit Lärm, Alkoholleichen und Dreck. In kulinarischer Hinsicht bin ich viel experimentierfreudiger als vorher. Mit der Pünktlichkeit nehm ich's nicht mehr so genau... sehr entspannend.
Als es vorhin klingelte, kurz nachdem auch Andreas mich für immer verlassen hat und ich eigentlich froh war, bis morgen noch allein in der Wohnung sein zu können, stand eine Freundin von Fabiana mit Tramperrucksack und Reisetasche in der Tür: "Hat Dir Fabi nicht gesagt, dass ich heute einziehe?"
Nein, hat sie nicht. Aber da ich es ja inzwischen gewöhnt bin, bin ich ganz cool geblieben und habe meine Handtücher im Bad wieder zusammengeräumt und statt auf drei Haken auf nur einen verteilt.
Man nimmt die Dinge hier einfach eher easy. Das ist sehr schön. Ich hoffe, dass ich das zu Hause auch noch ein wenig so halten kann.
Aber habe ich jetzt ein halbes Jahr in Spanien gelebt?
Ich bin nicht wie Corinne Hofmann in den Busch gezogen, um einen Massai zu heiraten. Ich habe ja noch nicht mal nennenswerte Bekanntschaften mit Spaniern geschlossen. Ich kenne keine spanische Familie, keine spanische Wohnung, keinen spanischen Wochenendausflug. Eher war ich hier als verlängerter Durchschnittstouri. Sicherlich hätte ich mir da mehr Mühe geben können. Und sicherlich wäre es in einer anderen Stadt, mit einem geringeren Erasmusanteil, anders geworden.
Ich möchte mich nicht beklagen, es ist alles so gelaufen, weil ich es so wollte. Hätte ich nur spanische Freunde haben wollen, hätte ich in der ersten Zeit mehr Distanz zu den anderen Erasmusleuten wahren müssen und mir mit den damals noch schlechteren Spanischkenntnissen Freundschaften erobern müssen. Dafür war ich am Anfang viel zu verunsichert. So habe ich jetzt liebe Leute kennen gelernt, aus ganz Europa und sogar aus Mexiko, und mit denen auch meine fünf Monate verbracht. Ich habe griechisches, irisches, italienisches, mexikanisches und französisches WG-Essen gegessen und in jedes Land eine sicherlich halb ernst gemeinte Einladung erhalten. Auch, wenn man solche Einladungen nur selten wahr nimmt, sind mir diese Bekanntschaften viel wert und ich bin froh, dass ich hier war, und nicht woanders.
Und trotzdem ist es jetzt an der Zeit, nach Hause zu gehen.