Ich freue mich nicht nur aus familiären, freundschaftlichen und lokalpatriotischen Gründen auf meine baldige Rückkehr nach Deutschland, ja, sogar nach Kassel, sondern auch aus ganz sicher weltbewegenden:
gestern hat endlich die documenta 12 angefangen.
Leider nur aus der Ferne beobachte ich täglich das spannende Treiben in meiner ach so lieb gewonnenen Heimatstadt, die ich vor jedem Ignoranten bereit bin zu verteidigen (worin ich schon seit Jahren trainiert bin).
Ich stille meine Informationsgier auf der Internetseite der lokalen Tageszeitung, auf der Internetseite der documenta und beim Lesen von sonstigen Meldungen, über die ich mehr oder weniger zufällig stolpere. Außerdem kommt alle paar Tage mal eine Email vom werten Herrn Vater, der mich über noch verfügbare Nebenjobs aufklärt:
"Guten morgen liebe Jane, die documenta GmbH sucht für den Friedrichsplatz noch Studenten als Vogelscheuchen, die bis zu 10 Stunden täglich mit Rasseln, Tröten, Hunden und weiten Gewändern dafür sorgen, dass die Rabenkrähen nicht den Mohnblumensamen aufpicken. Sonst ist das Kunstobjekt roter Friedrichsplatz gefährdet. Der Stundenlohn beträgt 7,20 €! Arbeitsbeginn ist allerdings sofort. Wär das nichts für Dich? LG Papa"
oder mir mal die ein oder andere bauliche Maßnahme erklärt, die im Zuge der documenta 12 Kassel verschönern soll. Als kleines Highlight gibt es zu jeder dritten Email eine tolle Powerpointpräsentation.
Ich bin also bestens informiert.
Dieses Mal ganz untätig daneben sitzen, das nagt ja auch noch an mir. Während ich bei der letzten documenta selbst ein Teil Kunst war, muss ich mich diesmal noch mit dem Gedanken anfreunden, nur von außen mit dabei zu sein. Gott sei Dank verfügt man ja über ausreichend connections in der Szene, jeder noch so schlechte Kunststudent hat natürlich einen ganz wichtigen Posten abgekriegt.
Besonders hoch steigt meine Vorfreude, wenn ich lese, dass der Molekülpanscher Ferrán Adria
sein Restaurant in Barcelona gelassen hat, um dort einen Tisch amtlich zum documenta 12-Standort zu erklären. Ist ihm vielleicht noch schnell genug aufgefallen, dass diese ganzen documenta-Fritzen eine noch größere Macke haben als er selbst? Kassel ist natürlich tief beleidigt.
Auch schön: Die Kasseler Stadtreiniger (die sich auch gern die Dreckstreetboys nennen, ganz der nordhessische Humor) haben Lottys Klebekreuze aufgespürt und
weggeschrubbt. Zu Recht?
Wiesen werden mit Pavillons verschandelt, deren Stellpfeiler 30.000 € kosten, Schlossberge werden zu Reisterassen umfunktioniert... die ganze Stadt ist im Rausch.
Es ist wie jedes Mal alles zum Totlachen.
Wieso findet in einer solchen Provinzstadt (die zwar durchaus ihren Charme hat), mit dem höchsten Sozialhilfeempfängeranteil Hessens und somit auch einem sehr geringen Anteil von Intellektuellen, Akademikern und somit Kunstinteressierten, eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt statt? Denn der Kasseläner an sich schert sich einen Dreck darum. Wer hingeht, tut das eher aus Prestigegründen, und hat noch lange nicht verstanden, worum es geht. Wer nicht hingeht, gehört zur Fraktion der lahmen Prostestler: "Bah, verschandeln die ganze Stadt für ihre Schmöker, pfui. Hoffentlich ist das bald vorbei."
Kassel hält was auf sich, dass es seine documenta hat. Aber eben nur das Kassel, dem bewusst ist, was das bedeuten kann. Oder das Kassel, was sich gern auf Soirées zeigt, auf Vernissages, auf Kunstmeilen. Um sich selbst zu inszenieren. Die wenigen Menschen, die was von Kunst "verstehen" (das muss noch geklärt werden), sind meistens allesamt selbst eingespannt in documenta-interne Aktivitäten. So gibt es den ganzen Sommer lang keinen Kunststudenten ohne Job in Kassel. Ich gehöre wie immer zu den gespaltenen Geistern. Ich profitiere von Kassels Verwandlung alle fünf Jahre und verliebe mich regelmäßig neu in die Situation während der documenta: Touristen, Reporter, Ausländer in meiner kleinen, häßlichen (nur in den Augen anderer) Stadt. Plötzlich sprießen neue Bars und Hotels und Theater aus dem Boden und die ganze Stadt wuselt nur noch herum. Es ist überall zu spüren, dass es kitzelt, und das mag ich. In die Ausstellung selbst gehe ich nur, weil ich ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich nicht ginge. Ich verstehe nichts von dem, was geliefert wird, und würde nie im Leben eine Führung machen, weil ich wahrscheinlich aggressiv werden würde bei der vielen nicht nachvollziehbaren Interpretationskunst der Guides. Vielleicht gefällt mir hier und da mal ein Werk, oder es schockiert mich einfach nur oder spricht mein Herzchen an. Aber das sind nur emotionale Urteile, mit denen niemand sonst etwas anfangen kann. Ich darf mir also kein generelles Urteil erlauben. Ich kann hier noch nicht mal sagen, ob jemand gut gestricht hat oder das richtige Material für seine Skulptur ausgewählt hat.
Vielleicht verschwanden deshalb auch schon
andere documenta-Kunstwerke.
Ich warte also gespannt ab, was sich mir in Kassel nach meiner Rückkehr zeigen wird.